Donnerstag, 30. Dezember 2021

Siebte Wanderung 2021: Vezelay - Chateauroux

Die Anreise

Obwohl die Infektioszahlen im Herbst 2021 wieder ansteigen, erlauben es die Regeln die nächste Etappe des Jakobswegs dort fortzusetzen wo ich 2019 angekommen war: Vezelay. Der Anfang der Via Lemovicensis, einer der großen Pilgerrouten, die die Pilger zu den Pyrenäen führt. 

Verlauf 2015-2020 und die Strecke 2021
Mit der Bahn geht es Ende Oktober klimaschonend über Karlsruhe und Paris nach Auxerre, wo schon die Übernachtung bei Freunden arrangiert ist. Zumindest ist das der Plan. Aber am Freitagabend ist Paris sowohl über, als auch unter der Erde völlig verstopft. Ich verpasse meinen Anschlusszug.
Keine Chance rechtzeitig an ein Metroticket zu kommen
So müssen meine Freunde in Auxerre viel länger als geplant am Abend warten bis meine Bahn dort ankommt. Aber es geht ihnen gut. Kaum zu glauben, daß schon zweieinhalb Jahre vergangen sind seit ich sie kurz nach Ostern 2019 durch eine Reihe von Zufällen kennengelernt habe.
Übersicht der Strecke 2021

Erster Wandertag: Vezelay – Saligny (Sa, 23.10.21)

Nach einer ruhigen Nacht und einem schönen Frühstück von Sylvie fahren wir gemeinsam los nach Vezelay. Wir passieren einige Stellen an die ich mich noch gut von der Wanderung 2019 erinnern kann. Vom Tal aus ist die Basilika nur schemenhaft im Nebel auf dem Berg zu erkennen. Oben auf dem Hügel hat sich der Nebel schon gelichtet und die 2019 noch verhüllte Westfassade der Kirche erstrahlt in neuem Glanz.

Neuer Glanz

Die noch im Nebel schlummernden Wälder und Täler sind vom Hügel aus ein unvergesslicher Anblick. Der ideale Morgen um die Wanderung zu beginnen. Kühl ohne kalt zu sein, trocken ohne staubig zu sein.

Traumhafte Aussicht von der Wiese hinter der Basilika

Nach Besichtigung und Gebet kaufe ich noch die aktuelle Ausgabe des unverzichtbaren MiamMiamDoDo, die ich zuhause vergessen habe und wir machen uns gemeinsam auf den Weg zur ersten Etappe.

Die Entscheidung ist schon lange gefallen: Mein Weg führt über Bourges
Am späteren Vormittag kehren Silvy und Philippe um und ich setze den Weg alleine fort. Plötzlich Stille. Völlige Stille. Kein Vogel zwitschert, kein Zweig knackt. Keine Stimmen. Phänomenal! Ein guter Start für eine besinnliche Pilgerwanderung.
Die Strecken im Wald sind bei dieser Etappe besonders schön. Vor Maison Dieu schaue ich im Wald noch die Grundmauern des römischen Tempels an. Von der ebenfalls ausgeschilderten Römerstraße ist allerdings nichts mehr zu erkennen.
Vom Tempel steht nur noch das Fundament.

In La-Maison-Dieu mache ich Mittagspause an den Picknicktischen bei der Kirche. Das ist ungefähr die Hälfte der heutigen Wegstrecke. Kurz vor Asinois überquere ich den Canal du Nivernais und mache eine kurze Pause auf dem schönen Rastplatz links der Straße. Auf der Straße geht es weiter bis nach Saligny, danach halte ich schon nach einem geeignete Platz für die Nacht Ausschau.
Bereit für die Nacht
Ich wähle den östlichen Waldrand in der Nähe der Stelle wo der Jakobsweg wieder in den Wald einbiegt. Die Morgensonne soll so am Morgen helfen das Zelt wieder trocken zu bekommen.

Zweiter Wandertag: Saligny - Arbourse (So, 24.10.21)

Es war kalt in der Nacht, auf den Feldern ist Frost. Die Morgensonne lässt den Raureif auf den Blättern der Bäume schmelzen. Das war so nicht geplant. Nun ist das Zelt innen vom Kondenswasser und außen vom herabtropfenden Tauwasser nass. Während ich frühstücke trocknet langsam das Zelt. Das lässt mir auch Zeit die Planung für den Tag zu machen. Dabei fällt mir etwas auf: Hier auf dem Land schließen die Läden am Sonntagmittag und öffnen erst am Dienstag wieder. So lange reicht mein Wasser nicht und auch das Essen könnte knapp werden.
Entweder ich muss vor 12 Uhr in Varzy sein, was mit dem späten Start knapp werden könnte, oder ich muss bis in die Pilgerherberge nach Arbourse kommen, wo ich fließend Wasser habe und richtig kochen kann.
Wunderschön, aber frostig
Ich erreiche Varzy um 12:30 - alle Geschäfte sind geschlossen. Auf der Straße treffe ich einem Mann, der mir meine Flasche mit Trinkwasser füllt. Bald danach erreiche ich St. Lazare, die Kapelle der ehemaligen Leprakolonie. Viel Zeit für eine Pause bleibt mir nicht an diesem schönen Ort, der sich auch gut für eine Übernachtung geeignet hätte.
St. Lazare
Gerade als ich befürchte, daß ich nicht die ganze Strecke bis Arbourse schaffen würde, kommt eine Hinweistafel mit einer Abkürzung, dank derer ich Champlemy umgehen und einige Kilometer sparen kann. Diese Route ist auch deshalb sehr schön zu gehen, weil sie über weite Strecken auf weichen Feld- und Waldwegen entlang führt. Kaum bin ich im Wald, ertönt ein Hupen. Die Jagd wird  gerade "abgeblasen". Überall entlang der Straße kommen Jäger aus dem Wald. - Nein, es sei keine gute Jagd gewesen. Vielleicht hätten sie am nächsten Wochenende mehr Glück. - Der Weg führt danach als kleiner Trampelpfad sehr schön durch den Wald und kommt wenige Kilometer vor dem fast tausend Jahre alten Kloster Bourras wieder aus dem Wald. Das Kloster ist seit der Revolution ein landwirtschaftlicher Betrieb. In einigen Gebäuden ist der ursprüngliche Zweck noch zu erkennen.
Entlang der Straße und auf einem schnurgeraden, gut befestigten Waldweg erreiche ich L'Hopitot und wenig später Arbourse.
Noch 1796 Kilometer

Nach heute knapp 40 Kilometern schmerzen die Füße und ein paar Stunden Ruhe habe ich jetzt bitter nötig. Aber die Herberge ist wegen Covid geschlossen. Das durchwachsene Wetter ist  nicht ideal zum Zelten und so rufe ich die erste Nummer auf der Liste an der Tür an. Nein. Die Herberge ist geschlossen. Aber er kommt. Es gäbe da eine Alternative.
Ein freundlicher Herr, einst selbst auch Pilger, öffnet für mich die Küche des kleinen Gebäudes hinter dem Festzelt der Gemeinde. Dort steht ein Feldbett, es gibt warmes Wasser (aber keinen funktionierenden Abfluss) und eine Mikrowelle.
In der Mikrowelle bringe ich das Wasser auf die Temperatur für ein Fertiggericht aus der Tüte. Dann noch kurz die toten Fliegen aus der Tür hinaus gefegt und nach dem Essen schnell in den Schlafsack. Handy und Powerbank finden auch Anschluss um für morgen wieder fit zu sein.

Dritter Wandertag: Arbourse - Charité-sur-Loire (Montag, 25.10.21)

Es ist lange dunkel am Morgen und ich stehe erst kurz nach acht Uhr auf. Die noch nicht richtig eingelaufenen, von der gestrigen Wanderung arg strapazierten Füße sind nicht begeistert, daß es schon weiter gehen soll. Aber heute sind nur etwa 22 Kilometer zu wandern. Das kann ich gemächlich angehen.
Ein Brötchen zum Frühstück, den Schlüssel in den Briefkasten und schon geht es weiter. Ein kleiner Anstieg zum warm werden und dann geht es fast den ganzen Tag lang durch die Wälder.
Einen wertvollen Rat hatte Philippe mir noch gegeben, der mir heute wieder sehr nützlich sein sollte: Die gelben Wegmarkierungen sind lokale Wander- und Rundwege, während der Jakobsweg immer blau/gelb markiert ist. Das war bei den Wanderungen der letzten Jahre, die teilweise über nicht gekennzeichnete Strecken gingen nicht so. Aber um diese Route kümmert sich eine Jakobusgesellschaft und es fehlen nur selten Markierungen.

Pausen sind wichtig
Es gibt wenig zu sehen, dafür viel Stille. Nach den kleinen Pausen brauchen die Füße immer wieder etwas Zeit sich einzulaufen. Schließlich erreiche ich La Charité-sur-Loire. Ein interessanter Ort. Ich hätte gerne den ausgeschilderten Stadtrundgang gemacht, bin aber stattdessen erst mal zur Apotheke (Salbe für die Füße) und zum Supermarkt (Wasser & Brot). Die Tourist-Info hat an Montagen geschlossen, aber unter der Kontaktnummer im Miammiamdodo meldet sich eine Junge Dame. Alles kein Problem, sie käme gleich. Keine 5 Minuten später öffnete sie das Büro für mich und zeigte mir die Pilgerherberge. Klein, aber sehr fein und frisch renoviert fühlte ich mich als einziger Gast gleich sehr wohl.
Treppe rauf, dann links ist die Herberge
Meine Erkundung der Stadt beschränkt sich auf die sehr schöne Kathedrale, Klosterräume und den Kreuzgang, der etwas mehr Pflege verdient hätte. Eine kurze Dusche und noch die Blutblasen versorgt. Dann ab ins Bett.

Vierter Wandertag: La Charité-sur-Loire bis Couy (Dienstag, 26.10.21)

Was für eine erholsame Nacht! Hier wäre ich gerne noch für einen Tag geblieben, aber ich möchte auch gerne weiter. Knapp 25 Kilometer werden das heute werden, die Vorräte sind aufgefüllt, die Füße erholt.
Über die Loire
Der Weg führt über die Loire und die Insel "Le Fauburg", anschließend über den Kanal mit Hafen. Um nicht immer auf der stark befahrenen Straße entlang zu führen, verläuft der Weg im Zickzack über die Felder. Alle Kirchen der Dörfer, die ich passiere sind geschlossen, dabei sahen einige wirklich interessant aus. Das zuerst trübe Wetter bessert sich im Laufe des Tages.
So kann ich einen Tag lang einfach nur pilgern, bis ich in der Abendsonne am Rand einer Wiese mein Zelt aufbaue.
Sehr gemütlich in meinem kleinen Zelt
Der Sternenhimmel ist wundervoll, leider habe ich nur das Handy dabei und keine ordentliche Kamera/Stativ.
Selten zu sehen auf dieser Reise: Sterne

Fünfter Wandertag: Cuoy - Becy (Mittwoch, 27.10.21)

Der sternklare Himmel hatte schon vermuten lassen, dass es kalt werden würde. Also schnell das nasse, etwas angefrorene Zelt abgebaut und erst mal vor dem Frühstück ein Stück Laufen um warm zu werden.
Es ist kalt
Die Sonne steht zunächst noch kraftlos am Himmel, reicht aber als ich Baugy erreiche aus um die Ausrüstung zu trocknen. Dort ist auch ein Supermarkt um die Vorräte wieder aufzufüllen. Nach einer kleinen Pause in Villabon geht es durch einen schönen Wald nach Brécy.
Durch den Herbstwald
In Brecy beginne ich mich nach einer Übernachtungsmöglichkeit umzuschauen. Die 20 Kilometer reichen für heute. Ein kurzes Stück nach dem Ort finde ich ein geeignetes Waldstück unweit einer Obstplantage. Ein frisch gefällter Baum als Bank und ein Baumstumpf als Tisch dienen als komfortabler Platz für mein Abendessen. Das Zelt ist schnell aufgestellt. Die meiste Zeit nimmt das Aufblasen der Luftmatratze (Thermarest Neoair Uberlite) mit dem Pumpsack in Anspruch. Da war ich mit meiner alte Matte schneller, hat aber weniger gut isoliert und gepolstert. Zum Thema Wärme: Der Schlafsack (Mountain-Equipment Helium 250) kommt auf dieser Tour auch seine Grenzen: Das "Comfort Limit" bei 3 Grad ist schon nicht mehr sehr komfortabel, die Angabe "good night's sleep" bei 1 Grad passt für mich nicht. Das wäre kein Problem für meinen alten Polar Schlafsack. Allerdings wiegt der auch fast ein Kilo mehr.
Lagerplatz im Wald

Sechster Wandertag: Becy - Bourges (Donnerstag, 28.10.21)

Es war heute etwas wärmer als in der vorhergegangnen Nacht und so habe ich gut geschlafen. Das Wetter ist hervorragend und die 20 Kilometer nach Bourges verlaufen fast schnurgerade. Zuerst entlang der Straße bis Sainte Solang, dann bald auf einer Römerstraße, die aber nicht als solche zu erkennen ist. Leider erfordert eine neu gebaute Schnellstraße einen fast 2 km langen Umweg um sie an einer Brücke zu überqueren zu können.
Rast an der Römerstraße im Hintergrund schon die Kathedrale
Schon bald war die Kathedrale von Bourges zu erkennen. Unter der Autobahn durch erreicht man die Ausläufer der Stadt. Aber erst nach dem Überqueren der Bahngleise erreicht man den interessanten Teil: Die Altstadt ist sehr schön und ich mache mich auf den Weg zur Kathedrale, wo ich auch den Pilgerstempel für meine Sammlung bekommen.
In der Kathedrale von Bourges
Die Kathedrale ist überwältigend. - Wirklich. - Überwältigend im Sinne von "zu viel". Eigentlich mag ich den gotischen Baustil sehr gerne, aber nach den stillen Tagen in der Natur sind mir die vielen Details und Schnörkel zu viel, zu "laut" und zu aufgeregt. Romanik wirkt auf mich ruhig, stabil und erdverbunden. Das hätte mir jetzt besser gepasst.
Dennoch erstaunlich wie leicht und lichtdurchflutet das Bauwerk anmutet. Ich finde Jakobus in zwei der Glasfenster und verbringe einige Zeit dort.
Safety first
Ich mache mich auf den Weg zur Jugendherberge. Kurz nachdem ich mein Zelt am Zaun erfolgreich getrocknet habe kommen die beiden Damen, die die Organisation der Jugendherberge machen. Die beiden - sehr spontan und sicherlich nicht perfekt organisiert - erklären, daß heute eine Kindergruppe  (Mukikschule?) übernachtet und Party macht. Ob mich das stören würde?
Wohl kaum. Tatsächlich ist Punkt 22 Uhr die Musik aus und es kehrt Ruhe ein. Erstaunlich.
Nach einer Dusche (war sehr nötig) und mit frisch versorgten Füßen geht es ins Bett.

Siebter Wandertag: Bourges - Charost (Freitag, 29.10.21)

Frühstück! Mein erstes richtiges Frühstück seit dem letztem Samstag (bei den Freunden in Auxerre). Die Damen der Jugendherberge hatten mir empfohlen etwas vor 8 Uhr beim Frühstück zu sein, um mich nicht in der Schlange der Kinder anstellen zu müssen. Ein guter Rat. So komme ich zu einem reich gefüllten Teller, Kaffee, Tee und Orangensaft. - Nicht schlecht.
Noch kurz Wasser und Brot nachgekauft, geht es schon wieder weiter. Wie immer bei größeren Städten zieht sich der Weg lange entlang der Straße. Vorbei an Rüstungsbetrieben und militärischem Sperrgebiet.
Es muss auch solche Strecken geben
Das zieht sich so bis Morthomiers. Bei dem netten, kleinen Ort Villeneuve-sur-Cher hätte ich auf dem frei zugänglichen und als Pilgerherberge gekennzeichneten Camping Municipal gut übernachten können. Aber das ist mir zu früh. Die insgesamt 26km von Bourges bis Charost sind gut zu machen.
So richtig schön ist die Strecke durch das Landschaftsschutzgebiet "Champagne berrichonne". Der weiche Waldboden ist wohltuend für die Füße, das Grün wirkt noch frisch, obwohl es schon Herbst ist.
Champagne Berrichonne
Leider beginnt es nach der Waldpassage zu regnen. Die steigenden Temperaturen der letzten beiden Tage hatten das schon vermuten lassen. Schnell in die Regenkleidung. Nach einzelnen Schauern kommt Dauerregen.
Wasserdicht
Der neue Poncho (SeaToSummit Ultra-Sil Nano) macht sich gut. Alleine ist es schwer ihn hinten über den großen Rucksack zu bekommen. Aber bei gerade mal 145g Gewicht kann man nicht meckern. Zusammen mit meiner 25 Jahre alten Goretex Regenhose und den wasserdichten Wanderstiefeln klappt das Wandern auch bei schlechtem Wetter mit Wind recht gut. Da ist es vielleicht gar nicht so schlecht, daß der Poncho nicht so weit ist und im Wind flattert. 
Zelten fällt heute jedenfalls aus. In Charost ist das Rathaus glücklicherweise geöffnet und so komme ich zum Code für das Refuge. Es ist im Obergeschoss des Schulhauses und bietet vier Betten. Die Regeln sind streng: Anreise erst nach Schulschluß, Abreise vor Schulbeginn. Betreten der Klassenräume verboten. Kein Problem.
Ich hänge meine Sachen zum Trocknen auf, mache mir eine Suppe und packe mein Geburtstagsgeschenk aus. Eine komplette Geburtstagsparty in der Streichholzschachtel!
Pilger-Party!!!

Im Gästebuch stehen in den letzten Tagen immer wieder einzelne Pilger. Ich bin nicht der einzige auf dem Weg, obwohl ich noch keinen anderen Pilgern begegnet bin. Ich trage mich ein, dann ab ins Bett!

Achter Wandertag: Charost - Sainte Fauste (Samstag, 30.10.21)

Heute ist das Wetter wechselhaft. Also rein in die Regenkleider und wieder auf den Camino. Die Füße machen schon lange keinen Ärger mehr. Gut, denn die Feldwege sind aufgeweicht und die Erde klebt in dicken Klumpen unter den Sohlen. Vor Issodun passiere ich einen großen Windpark und komme  von der Anhöhe hinunter in die Stadt. Ein kleiner Laden ist geöffnet, und so bekomme ich das Nötigste um meine geschrumpften Vorräte wieder aufzufüllen.
Blick an der Kirche vorbei auf das Stadttor
Der Weisse Turm ist leider geschlossen. Er wurde 1195 von Richard Löwenherz in Auftrag gegeben. Wo in Europa war der eigentlich nicht? Erst vor wenigen Wochen kam ich in der Pfalz an einer Burg vorbei auf der er gefangen gehalten worden war. Ich finde zum Essen einen etwas geschützten Platz im Rathausgarten, wo ich ein kleines Mittagessen zu mir nehme.
Der "Weiße Turm"
Am Ortsausgang dann noch ein Verkehrsschild, dass wie eine Mahnung an den Pilger anmutet. Ein Sinnspruch, sich selbst nicht so furchtbar wichtig zu nehmen:
Mahnung zur Bescheidenheit
Von weitem sehe ich die gewaltige Antennenanlage des Senders Issodun. Das Internet kennt leider kein Museum oder eine Besuchsmöglichkeit dort. Für mich als Kurzwellenenthusiast und Funkamateur wäre das ein Highlight entlang der Strecke.
Kaum zu erkennen, aber gigantisch: Die Antennen des Kurzwellendenders Issodun
Der weitere Weg führt über schöne Feldwege. Als ich Thizay erreiche, versuche ich dort eine Unterkunft zu bekommen. Die 20 Kilometer reichen für heute, sonst würde ich einen Tag zu früh in Chateauroux ankommen. Aber leider nimmt aufgrund der Pandemie keiner in Thizay Gäste auf. Also gehe ich weiter. "La Tripterie" steht als nächste Übernachtungsmöglichkeit auf meiner Liste.
Das Zeichen des Alten Bundes - Kurz vor Thizay
Glücklicherweise stabilisiert sich das Wetter etwas und die 5 Kilometer bis zum Bauernhof sind leicht zu gehen. Ich rufe dem Herbergsvater an. Er sei nicht da, gebe aber seinem Sohn Bescheid, er würde mir ein Leintuch bereit legen.
Kurz vor "La Tripterie"
Beim Bauernhof ist niemand zu finden. Ein sehr großer und sehr verspielter Hund freut sich über die Abwechslung und ist sehr enttäuscht, daß ich ihn nicht in den großen Wohnwagen lasse, der als Pilgerherberge dient.
Grandioses Motiv
Am Abend kommt noch kurz der zuvor erwähnte Sohn vorbei um nach dem Rechten zu sehen. Wie schon sein Vater am Telefon spricht er hervorragendes Englisch. Ob ich noch etwas brauchte? Was für eine offene und freundliche Art! Im Gästebuch stehen bekannte Namen, die ich schon in Charost gesehen hatte.

Neunter Wandertag: Sainte Fauste - Chateauroux (Sonntag, 31.10.21)

Das Wetter ist super! Bald nach Sonnenaufgang bin ich bereit zum leider letzten Abschnitt meiner Wanderung.
Die Herberge ist im Wohnwagen
Ein kleines Frühstück und los. Bis nach Chateauroux sind es gerade mal 20 Kilometer. Im Laufe des Tages nimmt der Wind zu. Manchmal so stark, dass es mich fast vom Weg bläst.
Tolles Wanderwetter
Aber ich komme gut voran, obwohl ich es gar nicht mehr eilig habe. Ich finde keinen geeigneten Platz, an dem ich jetzt schon mein Zelt aufschlagen könnte. So komme ich bis in den Vorort Deols, wo die Pilgerherberge ist. Ich rufe an: Nein, geschlossen. Nichts zu machen. Laut Miammiamdodo ist der Campingplatz geschlossen. Es beginnt ohnehin zu regnen. Ich schaue, ob ich beim Kloster eine Unterkunft finden kann.
Keine guten Wetteraussichten
Alles geschlossen. Das Hotel am Flughafen? Voll. Ein günstiges Hotel in Bahnhofsnähe? Keine Antwort. Schließlich finde ich ein Hotel mitten in der Stadt. (Ibis) Auch nicht schlecht. Ich buche für zwei Nächte, gehe einen Supermarkt suchen.
Ok, kein Campingwetter
So ein richtiges Bett ist eine tolle Sache. Nach einem kleinen Stadtrundgang ziehe ich mir die Decke über die Ohren.

Zehnter Tag: Pause in Chateauroux (Montag, 1.11.21)

Am Vormittag ist das Wetter gut, also nichts wie raus aus dem Bett und erst mal ordentlich Frühstücken. Das ist abwechslungsreich und unglaublich lecker. Dann aber raus! Ich möchte die Kirchen und den Ort anschauen.
Schon besetzt. Es ist Allerheiligen.
In den Kirchen finden schon die Gottesdienste für Allerheiligen statt. Also schaue ich mir zunächst mal den riesigen Park an, der sich aus der Stadt heraus bis zum Vorort Deols zieht.
Chateauroux hat sogar einen Badesee
Hier ist auch der Campingplatz, der entgegen der Info im Führer geöffnet hat. Kaum denke ich, daß ich hier prima hätte zelten können, schon setzt ein heftiger Regen ein. Mein kleiner Poncho erweist sich wieder als super praktisch.
Zurück in der Stadtmitte kaufe ich Vorräte für die Rückreise und finde auch schon eines der gewünschten Reisemitbringsel.
Die neuromanische Kirche Notre Dame
Jetzt sind auch die Kirchen wieder zugänglich. Die sind erstaunlich jung: Beide aus dem 19. Jahrhundert, allerdings Notre-Dame im romanischen, Saint Andre im neogotischen Stil.
Die neogotische Kirche Saint Andre
Der Stil beider Kirchen, so gegensätzlich sie sind wirkt auf mich stimmig und ich verbringe einige Zeit der Besinnung dort. Ein sehr erholsamer Tag. Morgen geht es zurück.

Elfter Tag: Rückreise (Dienstag, 2.11.21)

Die Ausrüstung ist vollständig getrocknet und der Rucksack effizient gepackt. Noch einmal bediene ich mich am reichhaltigen Frühstücksbuffet. Dann ist es Zeit aufzubrechen und noch einen Abstecher zum Waffenhändler "Armourie Bonnin" zu machen, wo ich leider nicht alle Varianten des Taschenmessers bekomme, die zu Weihnachten verschenken möchte. Nun aber schnell zum Bahnhof.
Ziemlich voll für einen Dienstagmorgen
Der Zug nach Paris fährt pünktlich ab, so daß ich in Paris bequem Zeit habe zu Fuß vom einen zum anderen Bahnhof zu gehen.
Paris!
Hier bekomme ich unterwegs auch noch die fehlenden Taschenmesser. Jetzt sind die Souvenirs komplett. Ich steige pünktlich in den ICE nach Karlsruhe. Doppelte Kontrolle vor Fahrtantritt: Ohne Impfnachweis (oder auch Test?) kommt man nicht einmal bis zur Kontrolle der Fahrscheine am Gleis. Da machen die Franzosen keine halben Sachen. Die Rückfahrt nach Heilbronn mit der S-Bahn ist dann nur noch eine Kleinigkeit und am Abend bin ich zurück bei meiner Familie.

Aussichten für 2022

Bis nach Saint-Jean-Pied-de-Port sind es jetzt noch knapp 750 Kilometer. Dann nochmal ca 800 km auf dem Camino Francés. Das sollte noch für viele Jahre besinnlichen Pilgerspaß reichen.
Für 2022 bieten sich die rund 170km von Chateauroux nach Limoges an. Das sind sieben bis acht Wandertage.




Montag, 11. Januar 2021

Sechste Wanderung 2020: Häslabronn - Heilbronn

Sechste Wanderung 2020: Von Häslabronn nach Heilbronn

Noch ganz kurz vor dem "Lockdown light" Ende Oktober konnte ich mich auf den Weg machen und die letzten schönen Tage auf Pilgerfahrt verbingen.

Anstatt Vezelay war aber Häslabronn, ein kleiner Flecken zwei Tagesmärsche von Rothenburg odT entfernt, als Startpunkt auf dem Plan.

Der Weg ist vorzüglich ausgeschildert
Die ersten beiden Tage versprach das Wetter angenehm, die Strecke abwechslungsreich und unkompliziert zu werden, so daß mein Jüngster mich begleiten konnte.

Erstmals Pilgern mit Begleitung
Die Route führt von Häslabronn über Rothenburg ins Jagsttal. Nach Schöntal biege ich auf die "Via Sancti Martini" ab, die mich direkt nach Heilbronn führt.
Die Route

1. Etappe: Häslabronn nach Gunzendorf (ca 20km)

Ein reines Vergnügen bei dem sonnigen und nicht zu warmen Herbstwetter. Vorbei an der Burg Colmberg geht es im Zickzack über gut befestigte Wege. Für ein Bad im einladenden Badesee nach Colmberg ist es aber doch etwas zu kühl. In Binzwangen überqueren wir die noch sehr junge Altmühl.
Burg Colmberg (und Golfplatz)

2. Etappe: Gunzendorf nach Rothenburg (ca 10 km)

Im Laufe der Nacht wurde es für die jüngeren Teilnehmer doch etwas frisch im Zelt und wir brechen sehr früh (gegen 5 Uhr) auf um uns warm zu laufen. Highlight der  kurzen Strecke ist der Abstieg von der Hochebene bei Sonnenaufgang. Eine gute Gelegenheit die Morgeninversion zu erklären.
Morgeninversion
Schon am frühen Vormittag erreichten wir das noch nahezu menschenleere Rothenburg, das noch nichts von dem Trubel spüren lässt, der im Laufe des Tages dort losbrechen wird.
So ruhig sieht man Rothenburg selten
Für die Nacht hatte ich ein Zimmer in der Evangelischen Tagungsstätte Wildbad reserviert, wo wir viel zu früh ankommen. Wir können dennoch gleich unser Zimmer beziehen. Das Jugendstilambiente ist unvergleichlich und den nicht gerade geringen Übernachtungspreis für Pilger wert.
Wie aus dem Bilderbuch

Das Wildbad ist ein interessantes, teilweise historisierend errichtes Ensemble mit unwiderstehlichem Charme Innen und Außen.
Märchenhaft
Natürlich haben wir genug Zeit die Stadt zu besichtigen und dort in einem der gut besuchten Restaurants Essen zu gehen.

3. Etappe: Rothenburg - Schrozberg (ca. 17km)

Nach einer ausgiebigen Stadtbesichtigung mit der ganzen Familie geht von nun an die Wanderung für mich alleine weiter.
Aus dem Taubertal heraus verläuft der Weg relativ flach durch Wälder und Felder nach Westen. 
Blick zurück nach Rothenburg
Da ich erst um die Mittagszeit los gelaufen war, wird es schon sehr dunkel bis ich kurz vor Schrozberg die Schorrenhütte erreiche, wo ich regengeschützt essen und meinen Schlafsack ausbreiten kann.


4. Etappe: Schrozberg - Dörzbach (ca. 30km)

Vor Herrentierbach teilt sich der Jakobsweg. Ich folge dem Weg nach Speyer, das vor 5 Jahren das Ziel meiner ersten Pilgerwanderung war.
Wegteilung des Jakobsweg
Das Wetter bleibt wechselhaft, immerhin bekomme ich meinen vom Morgenrau feuchten Schlafsack weitestgehend getrocknet. Gegen Mittag erreiche ich das Jagsttal, dem ich von nun an bis Widdern folgen werde.
Am Abend erreiche ich St. Wendel zum Stein. Die Kapelle ist geöffnet und die Höhlen zugänglich. Die Höhle bietet genug Schutz vor dem Regen um dort die Nacht zu verbringen.

5. Etappe: Dörzbach - Schöntal (ca. 25km)

In Dörzbach kann ich meine mittlerweile stark zusammengeschmolzenen Vorräte auffüllen und beim PC-Notdienst ein neues Ladekabel für mein iPhone kaufen. Regen und Sonnenschein wechseln sich ab. Also raus aus den Klamotten - rein in die Klamotten.
Regen und Sonnenschein
Die Hochebene vor Schöntal ist ein besonderer Genuss. Insbesondere dem Charme der Wallfahrtskapelle in Neusaß und der Grotte mit dem Heiligenbrünnlein wird sich kaum jemand entziehen können. Von dort führt der Weg sanft und abwechslungsreich hinunter zum Kloster.
Im Bildungshaus kam ich zum Pilgertarif unter, feines Essen gab es in der "Post".
Meine "Zelle" im Barockstil

6. Etappe: Schöntal - Neuenstadt (ca. 22km)

Nach einem üppigen Frühstück im Kloster geht es weiter zur vorletzten Etappe.
Schon fast abmarschbereit
Hier zweige ich vom Jakobsweg auf den Martinusweg ab, der mich direkt nach Heilbronn führen wird. 
Der Weg führt an einigen interessanten Orten vorbei: Über Jagsthausen und Widdern vorbei an den gigantischen Windrädern im Hardthäuser Wald, schließlich zum beeindruckenden Testgelände des DLR. Leider ist das Besucherzentrum geschlossen. (Offen an jedem zweiten und vierten Freitag im Monat von 15 bis 18 Uhr (Nicht an Feiertagen)). Am Zaun kommt man den Prüfständen für die Rakententriebwerke auch so recht nahe.
Heute keine Gefahr
Die Nacht verbringe ich im Zelt unweit der Autobahn. Die halbe Nacht lang fahren die Traktoren beladen mit Zuckerrüben über die angrenzenden Feldwege.

6. Etappe: Neuenstadt - Heilbronn (ca. 17km)

Im goldenen Herbst wandert es sich in einer Weingegend natürlich besonders schön.
Herbststimmung in den Weinbergen
Ich folge heute weiter dem Martinsweg.
Auf dem Martinsweg
Der Weg führt über Wälder, Felder und Weinberge über den Wartberg hinunter nach Heilbronn. Rechtzeitig für Kaffee und Kuchen komme ich an meinem Startpunkt von 2015 wieder an.

Das war für dieses merkwürdige Jahr eine großartige Wanderung. Trotzdem würde ich mich freuen, wenn ich 2021 den Weg ab Vezelay fortsetzen könnte.