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Mittwoch, 10. Juli 2024

Zehnte Wanderung 2024: Sainte-Foy-la-Grande nach Mont-de-Marsan

Zehnte Wanderung 2024: von Sainte-Foy-la-Grande nach Mont-de-Marsan

Ein sehr anspruchsloses Höhenprofil, schnurgerade Wege und große, künstlich angelegte Monokulturwälder. Was kann man da schon groß erwarten? - Los geht's!
Durch die Landes de Gascogne

Anreise und erster Wandertag (Samstag, 8.6.2024 ca. 10km)

Schon um 5:34 fährt mein Zug ab. Alle Umstiege und der obligatorische Wechsel der Bahnhöfe in Paris funktionieren tadellos. Etwas kurios ist der Ouigo "billig-TGV", bei dem der Rucksack als großes Gepäckstück 5 € extra kostet. So günstig ist die Fahrt von Paris nach Bordeaux dann auch wieder nicht  und er wirkt weniger gepflegt als die regulären SNCF-Züge. Aber ok, dafür fährt er pünktlich. Dann noch ein Stück mit dem Regionalzug und ich stehe um 16:45 ziemlich genau an der Stelle, an der ich im Mai 2023 meine Pilgerreise beendet hatte.

Der Plan sieht vor, heute einfach nur eine geeignete Stelle zu finden, an der ich mit dem Zelt übernachten kann. Es ist unangenehm schwül und die um diese Zeit stark befahrene Straße bis Pont-de-la-Beauze ist kein Vergnügen. Danach, über Feldwege und durch Weinberge, geht es schon wesentlich schöner voran.
Die erste Übernachtung
An einer Schneise im Wald finde ich ein gemähtes Stück Wiese zwischen Weinberg und Waldrand. Ich hatte auf einen sternklaren Himmel gehofft, um ein paar Fotos zu machen. Vielleicht wird das ja in den nächsten Tagen noch besser.

Zweiter Wandertag: von La Bonnetie Haute nach St. Ferme (Sonntag, 9.6.2024 ca. 19 km)

Es regnet. Nicht besonders stark, aber das Zelt muss ich nass einpacken. Hoffentlich gibt es eine Möglichkeit es im Laufe des Tages zu trocknen. In Pellegrue mache ich Frühstückspause und trinke einen Kaffee vor der Bar der kleinen Orts.
Kaffee und Kekse
Der Blick fällt unweigerlich auf die große Markthalle aus dem vorletzten Jahrhundert, die in bemerkenswert gutem Zustand ist. Zwei Pilger überholen mich und ich unterhalte mich bestmöglich mit zwei älteren Franzosen, die den Sonntagmorgen ebenfalls für einen gemütlichen Kaffee vor der Bar nutzen.
Achtung Pilger!
Im weiteren Verlauf des Weges begegne ich einem jungen Franzosen, dessen Eltern einen Bauernhof haben, der aber selbst diesen Beruf nicht ergreifen möchte. Er ist unterwegs, um sich darüber klar zu werden, was er künftig machen möchte. Prompt verlaufen wir uns wegen unseres Gesprächs, finden aber gleich wieder einen Weg zurück auf unsere Route und kreuzen das Revier einer Fuchsjagd. Es folgen ein paar sehr schöne Passagen durch die Wiesen und sehr bald erreiche ich Saint Ferme.
Das 1080 gegründete Benediktinerkloster dort ist als Wohn- und Rathaus genutzt und es herrscht erstaunlich viel Betrieb. Heute ist Europawahl! Prima, so kann ich mir wenigstens einen Teil des Rathauses anschauen.
Klosterkirche St. Ferme
Die ehemalige Klosterkirche ist ein wohltuend schlicht ausgestatteter, romanischer Bau. Bis zur Öffnung der Herberge ein paar Straßen weiter, habe ich die Kirche für mich alleine.
Am Nachmittag hört es auf zu regnen und die Sonne scheint. Auf der Wäscheleine vor der Pilgerherberge trockne ich mein Zelt. Wir sind zwei Gäste an diesem Abend: Frans aus den Niederlanden ist neben mir der einzige Gast in der für sechs Pilger ausgelegten Herberge.
Die Herbergsmutter fragt noch die Wünsche für das Frühstück ab und schon recht bald kehrt Ruhe ein.

Dritter Wandertag: von St. Ferme nach Pondaurat (Montag, 10.6.2024 ca. 28 km)

Der Rucksack ist am Morgen schnell und effizient gepackt, wenn man weder Isomatte noch Zelt gebraucht hat. Dann noch ein kleines Frühstück und die Herbergsmutter winkt zum Abschied.
Abschied von der Herberge in St. Ferme
Blauer Himmel und Schäfchenwölkchen versprechen ein angenehmes Wanderwetter. Die Temperatur ist seit dem gestrigen Regen wieder in angenehmere Bereiche gefallen als es noch am Samstag der Fall war.
Der Großteil des Weges führt über kleinere Straßen, auf denen es zügig voran geht. In La Reole, ungefähr nach zwei Dritteln des Weges, gibt es eine prima Bäckerei. Hier kommen zur Mittagszeit nach-und-nach alle Pilger durch: Die Belgier (2), Franzosen (3) und Niederländer (1). Die Croissant au Jambon Fromage sind sehr zu empfehlen und ich fülle auch gleich die Wasser- und Brot-Vorräte auf.
Bei der nächsten Pause in Floudes treffe ich auf Hubert, der die Niederländische Mannschaft ergänzt.
In Pondaurat angekommen, sind alle Plätze der Pilgerherberge belegt. Das ist nicht weiter schlimm: ich habe genug Vorräte und hinter der Festhalle des Ortes gibt es eine Wiese mit Bänken, die recht selten benutzt wirkt.
Prima Kochstelle
Hinter der Festhalle gibt es eine Grillstelle, an der ich komfortabel meinen Kocher aufbauen kann und ein kleines Abendessen bereite. Als es dämmert, baue ich das Zelt auf und beschließe den Tag.
Hier ist nix los

Vierter Wandertag: Von Pondaurat nach Cazats (Dienstag, 11.6.2024 ca. 23 km)

Einen Bäcker scheint es hier nicht zu geben, aber das ist auch nicht unbedingt nötig, die Vorräte aus La Reole halten noch und an der Strecke gibt es einen Supermarkt. Ich verpacke das halbnasse Zelt und los geht die Pilgerfahrt. Die Wegführung heute vermeidet größere Landstraßen, führt dafür aber etwas unökonomisch über lange Umwege. Schon in Savignac kommt der Supermarkt. Hier gibt es nicht nur Wasser und Brot, sondern auch Kaffee und Croissants. Damit sind die Vorräte ergänzt und ich plane wieder im Zelt zu übernachten.
Auf den Waldpassagen begegne ich auch erstmals einer regionalen Kuriosität: Einer Palombiere. Lange, überdachte und gut getarnete Gänge für die Jagd auf Ringeltauben. Überall gespannte Schnüre und Hebelvorrichtungen ermöglichen es den Jägern an den Bäumen zu rütteln um die Tauben aufzuscheuchen.
Eine Palombiere
Einige der Waldwege sind für Wanderer vom 1. Oktober bis 20. November komplett gesperrt. Zu anderen Zeiten soll der Wanderer pfeifen, um auf sich aufmerksam zu machen.
Am frühen Nachmittag halte ich nach einem Platz für die Übernachtung Ausschau. Schon bald seht am linken Wegrand ein Schild: "Halte GR Pelerin Compostelle" die Wiese ist gemäht, der Wohnwagen hingegen verschlossen.
Angenehmer Zeltplatz an der Strecke
Keiner da und alles durchnässt. Egal, offensichtlich ist das genau für mich gedacht und ich richte mich gemütlich ein. Das Wetter bessert sich gegen Abend. Ich kann ungestört mein Abendessen kochen und verbringe eine ruhige Nacht im Zelt.

Fünfter Wandertag: Von Cazats nach Captieux (Mittwoch, 12.6.2024 ca. 23km)

Schon nach wenigen Kilometern komme ich auf die zum Rad- und Wanderweg ausgebaute, stillgelegte Eisenbahnstrecke. In Bazas besuche ich die Kathedrale und ergänze beim Supermarkt meine Vorräte. Viel muss ich nicht tragen, denn am heutigen Ziel soll es zwei Supermärkte geben. Es geht  dann auf der  Bahnlinie schnurgerade und und wie im Fluge voran. Hier beginnen die großen Eichen- und Kiefernwälder, durch die der Weg nun führt. Je nach dem wer der Pilger gerade Pause macht wird überholt. Ich treffe die Belgier, die Französinnen und das niederländische Team.
Hier verläuft sich keiner
Die gerade, flache und damit völlig unschwierige Strecke lässt den Kopf frei werden. Natürlich nur soweit es mein Schnupfen zulässt. Von den Kiefern, die eigentlich intensiv riechen sollten, nehme ich nichts wahr. Die gute Luft macht das Geschniefe aber erträglich.
Genau zeitgleich erreichen Frans und ich unseren Zielort Captieux. Im Rathaus bekommen wir den Schlüssel zum Refuge Municipal, wo wir uns als die beiden einzigen Gäste einrichten.
Schlicht aber ausreichend
Im Supermarkt finde ich ein "Rillettes de Canard", das hier am Ort hergestellt wurde. Kein billiger Spaß, aber sehr lecker. Dazu Brot und Käse.
Lokale Leckerei
Nach zwei Nächten im Zelt ist mir die Dusche sehr willkommen. Die Unterkunft ist sehr schlicht und wäre voll belegt sicher kein großer Spaß, aber für zwei Pilger sehr entspannt.

Sechster Wandertag: Von Captieux zur Chapelle de Lugaut (Donnerstag, 13.6.2024 ca. 26km)

Kurz Ordnung und Sauberkeit im Refuge wiederhergestellt und schon geht es wieder los. Ein kurzer Umweg über den Bäcker und weiter auf der schnurgeraden Strecke.
Vom westlich des Weges liegenden Militärgelände höre ich den ganzen Vormittag über Lärm von Flugzeugen und Explosionen. Das passt so gar nicht in die friedliche Landschaft.
Der Weg ist nun weniger gut ausgebaut und nach der Überquerung der unendlich lang erscheinenden Autobahn geht es nun auf Feldwegen weiter. Der Boden wird jetzt teilweise sandig.
Es wird sandig
Spätestens jetzt bin ich in den Landes de Gascogne angekommen. Es wundert mich nicht, daß diese Gegend bei den mittelalterlichen Pilgern gefürchtet war: Bremsen und Schnaken sind trotz der Trockenlegung noch zahlreich. In den Gräben steht das Wasser. Durch die Aufforstung seit dem 18. Jahrhundert gibt es mittlerweile eine dünne Humusschicht. Dort wo die nicht vorhanden ist, ist das Gehen anstrengend, weil die Schuhe tief in den feinen Sand sinken.
Das ist eher untypisch
Die Dörfer sind weniger zahlreich als in den letzten Tagen. Dafür gibt es jetzt immer wieder gerodete Lichtungen mit mageren Wiesen voller blühender Blumen.
Es geht gut voran und ich erreiche die von mir als Übernachtungsplatz geplante Chapelle de Lugaut, die auf einer großen Lichtung im Wald liegt.
Chapelle de Lugaut - Geschlossen
Im Sommer muss hier eine Menge los sein: Parkmöglichkeiten für PKW und Busse sind ausgeschildert, Picknickplätze mit Tischen und Bänken stehen bereit.
Die Kapelle ist aber geschlossen. Das ist kein Wunder, denn die Fresken möchte man sicher nicht unbeaufsichtigt lassen. (siehe hier).
Super praktisch hingegen: Die Toilette im Haus neben der Kirche ist sauber und geöffnet. (Ok, sicher nicht mit Absicht, da ein Verlängerungskabel die Tür blockiert.) Da hatte ich schon Campingplätze mit weniger Komfort.
Käsenudeln zum Abendessen
Frans hatte mir am Morgen die Hälfte seiner Nudeln vermacht, die sich jetzt in leckere Käsenudeln zum Abendessen verwandeln lassen. Etwas geschützt hinter den Bäumen baue ich mein Zelt auf, erkunde noch kurz die Umgebung und beschließe den Tag.

Siebter Wandertag: Von der Chapelle de Lugaut nach Bostens (Freitag, 14.6.2024 ca. 20 km)

Es regnet. Bevor es so richtig losbricht, bringe ich meine Sachen unter dem Vordach der Kapelle in Sicherheit. Es hilft aber alles nichts: Ich mache mich bestmöglich wasserdicht und gehe los.
Der Weg führt über Roquefort (nein: schon genau wie der Käse, aber das ist nicht dieses Roquefort). Schon an der ersten Kreuzung lädt eine Bar zum Morgenkaffee. Die schöne, verwinkelte Kirche liegt auf einem Hügel an der Stadtmauer oberhalb des Flüsschens Douze. Am Ortsende wartet eine gut sortierte Bäckerei.
Mit aufgefüllten Vorräten und einem entsprechend schweren Rucksack pilgere ich zuerst auf Sandwegen, später auf keinen, geteerten Straßen weiter. Meine Planung für die Übernachtung ist noch etwas unscharf. Irgendwo um Bostens herum wäre gut, wenn ich etwas fände. Das würde für die beiden letzten Streckenabschnitte heute und morgen jeweils schön ausgewogene Distanzen ergeben.
Prima eingelaufen und mit nur einer einzigen, eher kleinen Blase am Zeh, komme ich gut vorwärts und viel schneller als erwartet erreiche ich Bostens. Ich setze mich auf eine der die Bänke vor der Kirche, um ein verspätetes Mittagessen zu verputzen. Kaum eine halbe Stunde später sitzt ein Großteil der "üblichen" Pilger mit dabei. An der fantastischen, romanischen Kirche scheint außer mir keiner Interesse zu haben. Im Narthex der Kirche ist rechts eine niedrige Tür, die den Pilger zur Einkehr auffordert. Zu meiner Verwunderung finde ich einen rustikal ausgestatteten Raum mit Tisch, offenem Kamin und kleiner Küche.
Pilgerstube in Bostens
Im Süden der Kirche ist eine Rasenfläche, dahinter eine öffentliche Toilette. Perfekt! Hier bleibe ich.
Ein wenig später setzt leichter Regen ein und ein zweiter Pilger gesellt sich mit seinem Zelt dazu. Er leidet ziemliche Schmerzen wegen seiner wunden Füße. Kein Wunder bei den 40km, die er täglich zurücklegt. Aber es sei der letzte Tag für ihn, seine Frau sammle ihn morgen in Mont de Marsan ein.
Nettes Plätzchen
Ich besichtige noch die Kirche, die ich wieder ganz für mich habe und den dahinter liegenden Friedhof. Eine Frau, die gerade Gräber pflegt, berichtet, daß hier eine Pilgerherberge entstehen soll. Die Arbeiten gehen aber nur langsam voran. Gegen zeltende Pilger hat man hier nichts einzuwenden. Falls der Regen zu schlimm werden sollte, sollten wir doch unsere Matratzen nehmen und im Aufenthaltsraum Schutz suchen. - Obwohl aus der Ferne Donner grollt, bleibt der Regen eher harmlos.

Achter Wandertag: Von Bostens nach Mont-de-Marsan (Samstag, 15.6.2024 ca. 20km)

Ich rufe die Nummer der "Amis de St Jacques des Landes" an und bekomme von Jean Pierre ein Bett in der Pilgerherberge zugesagt. Na dann kann ich den Tag ja gemütlich angehen. In der Bar "Au Coeur des Landes" gibt es Kaffee, Croissants und Chocolatines. Und die Sonne kommt raus. Also mache ich nach noch nicht einmal vier Kilometern eine ausgedehnte Frühstückspause. Die Französinnen sind auch da, sie haben hier im Gästezimmer der Bar übernachtet.
Lecker!
Am Treppengeländer des Rathauses von Bougue trockne ich mein Zelt in der Sonne. Von hier aus geht es wieder einmal auf einer stillgelegten und zum Rad- und Wanderweg ausgebauten Bahnstrecke schnurgerade nach Mont-de-Marsan.
Den Schlüssel für die Pilgerherberge bekomme ich im asiatischen Supermarkt zwei Straßen weiter. Ich bin scheinbar der einzige Gast in der großen Herberge. Das Gebäude ist interessant. Außen noch die ursprüngliche Aufschrift "BAINS - DOUCHES", ist es innen V-förmig in zwei Flügel aufgeteilt. Geöffnet ist nur der rechte Flügel. Dort gibt es fantastisch großzügige Duschen. Da, wo einst wahrscheinlich die Badewannen standen sind nun die Betten für die Pilger. Ich beziehe eines der Betten und mache noch einen Ausflug in die Stadt. Buchhandlungen, Supermarkt... alles da. Ein sehr schönes Städtchen.
Tolle Herberge!
Am Abend schaut Jean Pierre noch nach dem Rechten. Den Schlüssel soll ich einfach in der Herberge hängen lassen, wenn ich morgen gehe.
Ich dusche noch lange und heiß, bevor ich mich in meinen Schlafsack kuschle.

Neunter Tag: Rückreise (Sonntag, 16.10.2024)

Jean Pierre hatte mir nicht nur den Weg zum Bahnhof erklärt, sondern auch den besten Bäcker  am Ort empfohlen. Also packe ich meine Sachen reisefertig ein und wandere zuerst zum Bäcker, um ein kleines Frühstück und etwas Proviant für die Rückfahrt einzupacken.
Was man nicht sieht: Es ist voll hier!
Der Zug ist pünktlich und alle Anschlüsse passen. In Paris habe ich noch Zeit für einen Ausflug zum Eiffelturm. Dort ist eine gigantische Baustelle, da auf dem Marsfeld einige der Wettkämpfe der olympischen Spiele stattfinden werden. Gegen 22:30 bin ich zurück in Heilbronn.
Das war super easy und erholsam: Für die einfache Strecke haben die leichten Halbschuhe völlig ausgereicht, und die Füße blieben weitgehend blasenfrei. Jetzt wäre ich perfekt eingelaufen, um auch längere oder schwierigere Strecken locker zu wandern. Der kräftige Schnupfen, mit dem ich gestartet war hat sich weitgehend verzogen und hatte mich während der Wanderungen kaum beeinträchtigt. Ich kann ja im nächsten Jahr noch ein bisschen schnuppern wie die Landes riechen.

Freitag, 22. September 2023

Neunte Wanderung 2023: Limoges nach Sainte-Foy-la-Grande

Neunte Wanderung 2023: von Limoges nach Sainte-Foy-la-Grande

Fantastisch! Eine Woche Sonderurlaub zur Erholung nach dem Cyberangriff auf die Heilbronner Stimme. Es gibt einige Termine, aber alles lässt sich "Worcation-Style" mit dem Handy erledigen. Also nix wie los auf den Camino.

Anreise und erster Wandertag (Montag, 8.5.23 - ca. 14 km)

Wie schon so oft fahre ich mit der Stadtbahn nach Karlsruhe und steige dort in den TGV nach Paris. Mit den Jahren hat sich Paris deutlich verändert: viele Straßen sind für Autos gesperrt oder verengt. Es gibt stark frequentierte Radwege, es ist insgesamt grüner. Überall Restaurants, Cafes und Menschen. - Viele Menschen. Die Stadt wirkt so viel grüner und lebendiger als noch vor wenigen Jahren.
Ich habe genug Zeit, zu Fuß vom Ostbahnhof zum Bahnhof Austerlitz zu wandern, Pause an der Seine zu machen und sehr entspannt meinen Zug nach Limoges zu besteigen.
Kurz nach 16 Uhr bin ich dort. Die Erinnerung an die Wanderung des letzten Jahres ist sofort wieder präsent.
Bahnhof Limoges Benedictins


Der größte Teil des Weges nach Aixe-sur-Vienne führt entlang großer Straßen, etwas ländlicher wird es erst nach etwa 10 Kilometern. In Aixe angekommen, ist der Campingplatz schnell gefunden. Es ist schon spät und die Frau, die sich um die Rezeption kümmert, ist schon auf dem Weg in den Feierabend. Egal, sie kommt morgen um 8 Uhr wieder. Ich kann mir einen beliebigen Platz für mein Zelt aussuchen. Obwohl es schon spät ist, muss ich mir noch die Reste der römischen Brücke anschauen. Zurück auf dem Campingplatz, schlafe nach dem langen Tag vorzüglich.
Reste einer römischen Brücke

Zweiter Wandertag: Von Aixe-sur-Vienne nach Firbeix (Dienstag, 9.5.23 - ca. 38 km)

Es war so vorhergesagt: Ich schaffe es gerade so mein Zelt noch trocken zusammenzulegen, da beginnt es zu regnen. Sehr kräftig zu regnen. Den ganzen Tag über regnet es mehr oder weniger.
Einen für dieses Wetter geeigneten Übernachtungsplatz finde ich nicht, so weiche ich auf meinen "Plan-B" aus, und pilgere weiter bis nach Firbeix, wo es am See sehr schöne, überdachte Picknickplätze gibt. Es werden damit etwa 38 Kilometer Strecke. Kein Problem für die Ausdauer, aber die Füße sind nach dem ersten richtigen Wandertag schon etwas strapaziert. Schlauer wäre, die Strecken langsam zu steigern. Aber es ist wie es ist. - Es dämmert schon, als ich in Firbeix ankomme.
Ich baue Isomatte und Schlafsack auf dem Tisch auf. Leider ist die nagelneue Isomatte schon leicht undicht, und ich muss ca. alle zwei Stunden wieder aufblasen. Das ist nicht sehr erholsam.
Der Plan geht auf und ich übernachte ohne nass zu werden.

Dritter Wandertag: Von Firbeix nach La Coquille (Mittwoch, 10.5.23 - ca. 11km)

Heute regnet es mal weniger, was neben der kurzen Strecke auch recht erholsam ist und ich erreiche schon zur Mittagszeit La Coquille.
Sehr schöne Wegabschnitte heute
La Coquille ist ein recht verschlafenes Dorf mit einer kleinen Pilgerherberge, in der ich unterkomme.
Robert, der neuseeländische Australier ist neben mir der einzige weitere Gast in dieser Nacht.

Vierter Wandertag: Von La Coquille nach Sorges (Donnerstag, 11.5.23 - ca. 31km)

So ein halber Pausetag ist eine feine Sache, denn heute liegt wieder eine längere Strecke vor mir. Die Gegend ist sehr ländlich, super grün und ich treffe wesentlich mehr Kühe als Menschen. Das Streckenprofil ist harmlos und es geht vorwiegend bergab. Besonders flott geht es auf der schnurgeraden Route Napoleon vorwärts, auch wenn da schon wieder die Füße anfangen zu qualmen.
Ich brauche auf den 30 Kilometern einige Pausen, auch um die Regenkleidung an- und auszuziehen. Es regnet, hört dann aber auch schnell wieder auf und es wird heiß unter dem Poncho.
Rechtzeitig vor dem Gewitter erreiche ich Sorges.
Nach kurzem Umherirren finde ich die wunderschöne Pilgerherberge. Doch oh Schreck! Alle 6 Betten sind schon belegt. Nach kurzer Beratung findet sich ein Platz für eine Matratze und ich habe meinen Schlafplatz, auch wenn die anderen Pilger über mich drüber klettern müssen.
Sehr schöne, aber kleine Pilgerherberge in Sorges
Die Herbergsmutter hat gekocht! Es gibt sehr lecker zubereitete Hähnchen und Kartoffeln, und das reichlich. Das sollte für ein paar Tage reichen.
Nach dem Küchendienst spielt Madame Pilgerlieder auf ihrer Ziehharmonika, dann ab ins Bett. Ich schlafe hervorragend!

Fünfter Wandertag: Von Sorges nach Perigeux (Freitag, 12.5.23 - ca. 22 km)

Das ist die ideale Distanz! Bis kurz vor Perigeux ist die Strecke recht angenehm, danach durch die Vororte nicht so der Knüller. Die Pilgerherberge ist eine Etage in einem Wohnhaus und ich habe ein Zimmer für mich alleine. Perigeux ist ein sehr netter Ort. Das Highlight natürlich die Kathedrale - ein außergewöhnlicher Grundriß in romanischem und byzantinischen Stil.

Shopping darf auch nicht zu kurz kommen. Hier gibt es alles um meine Vorräte wieder aufzufüllen.

Sechster Tag: Von Perigeux nach les Brousses (Samstag, 13.5.23 - ca. 27km)

Der Weg aus Perigeux heraus ist erstaunlich schnell bewältigt und es geht auf dem neu angelegten Rad- und Wanderweg schnell voran. Wieder ist die Strecke erholsam grün und angenehm. Das Höhenprofil völlig anspruchslos. Das Wetter ist wieder instabil und das An- und Ausziehen der Regenklamotten bremst das Wandertempo merklich.
Am frühen Nachmittag erreiche ich den Campingplatz "Le Pontet" am Ortseingang von Saint Aistier. Aber der hat zu. Nix zu machen: Hier wird kräftig renoviert, alles ist abgesperrt. Nicht so schlimm: Ein Stück weiter gibt es laut MiamMiamDoDo eine super Pilgerherberge im Schloss Puy Ferrat. 
Doch hier tummeln sich Menschenmengen! Ein großes Fest wird vorbereitet und es ist schwierig jemanden zu finden, der Auskunft geben kann. - Nein: Wegen des Fests ist alles belegt. Kein Platz für Pilger heute.
Hier wäre ich gerne geblieben
Schade, das wäre ein sehr interessanter Übernachtungsort gewesen.
Also weiter. Ich halte die Augen nach einem passenden Ort für mein Zelt auf. Und tatsächlich: schon nach dem nächsten Hügel finde ich einen gemähten Streifen am Rand eines Waldes. Komplett mit Sonnenuntergang und allem drum und dran. - Trotz undichter Isomatte schläft es sich ganz gut so.
Kein Schloss, aber auch sehr nett

Siebter Tag: Von Les Brousses nach Mussidan (Sonntag, 14.5.23 - ca. 21km)

Der Sonntag ist ein Sonnentag! Unglaublich, wie schön und frisch alles in dem warmen Sonnenlicht ist. Wiesen, Wälder und Feldwege sind vom Regen sauber gespült und trocken. In Douzillac sitze ich am späten Vormittag auf der Terrasse des Restaurants und lasse mich von der Sonne wärmen.
Recht früh bin ich in Mussidan und mit 4,7 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit auch wieder etwas schneller als am Vortag.
So lässt es sich aushalten
So mache ich noch einen Ausflug zum Supermarkt, bevor die Dame vom Rathaus die Pilgerherberge in einem etwas heruntergekommenen Gebäude öffnet, kurz kassiert und dann wieder verschwindet. Die Herberge selbst ist schön. Robert und ein Pilgerehepaar sind auch da. Robert kocht Abendessen. Ich mache dafür den Abwasch. - Schlechte Wahl: es war eingebrannt.

Achter Tag: Von Mussidan nach Montfaucon (Montag, 15.5.23 - ca. 29 km)

Ein wunderbar sonniger Morgen. Was für ein Genuss in die sonnige Morgenkühle zu wandern. Nach 10 Kilometern erreiche ich die schöne Kiche von Saint Gery, wenig später kommt ein gemütlicher Rastplatz für Pilger. Der Hinweis am Mülleimer: Nur für Pilgermüll!
Picknickbank am Pilgerweg
Am Nachmittag öffnet der Himmel seine Schleusen wieder und holt alles nach, was er sich in den letzten beiden Tagen aufgespart hat. Glücklicherweise komme ich an eine Bushaltestelle, die mich vor dem stärksten Schauer bewahrt. 
Bäääh!
Der Campingplatz in Montfaucon ist geschlossen! Das ist bei dem Mistwetter unangenehm. Also weiter und die Augen offenhalten! Und tatsächlich finde ich ein ideal geeignetes Häuschen in einem Weinberg. Eine saubere, überdachte Terrasse. Besser als jeder Campingplatz!
Idealer Übernachtungsplatz
In der Nacht regenet es. - Ist mir egal...


Neunter Tag: Von Montfaucon nach StFoy la Grande (Dienstag, 16.5.23 - ca. 7 km)

Am Morgen kommen Wildschweine aus dem Wald und suchen in den Weinbergen nach Futter. Ein kleines Geräusch und blitzartig sind sie wieder im Wald verschwunden. Ohne Zelt ist die Ausrüstung schnell zusammengepackt und ich mache mich auf die letzte, kurze Etappe durch das sanft hügelige, grüne Land.
Windmühle
Ich mache viele Pausen und treffe daher noch einige bekannte und unbekannte Pilger, die mich überholen. Um die Mittagszeit herum komme ich in St. Foy la Grande an. Ich besuche die Kirche und schaue mich in den umliegenden Läden nach etwas zum Mittagessen um.
Blick auf Port-Sainte-Foy-et-Ponchapt und StFoye la Grande
Der Campingplatz ist leicht zu finden und ich bekomme einen schönen Stellplatz für mein Zelt. Ich kann die Terrasse eines leerstehenden Wohncontainers benutzen um meine Ausrüstung zu trocknen und ein bisschen zu lesen.
Sicherheitshalber mache ich noch einen kurzen Ausflug zum Bahnhof. Er ist leicht zu finden. Und nach einer kleinen Runde durch die Stadt, lasse ich den Tag ausklingen.

Zehnter Tag: Rückreise (17.5.23)

Die französische Bahn ist wieder einmal angenehm zuverlässig: St. Foy - Bordeaux - Paris - Karlsruhe und von dort nach Heilbronn. Alles völlig problemlos: Um 9:20 fahre ich gut ausgeschlafen in St. Foy los und bin gegen 18:30 wieder zuhause. Die Füße sehen ziemlich mitgenommen aus, aber in ein paar Tagen wird sich das wieder geben und zurück bleiben nur schöne Erinnerungen.
Es sind jetzt noch gut 1000 Kilometer auf der Voie de Vezelay und dem Camino Francais nach Compostella. Spätestens im übernächsten Jahr werde ich mich für einen der Wege durch Spanien entscheiden müssen.

Donnerstag, 30. Dezember 2021

Siebte Wanderung 2021: Vezelay - Chateauroux

Die Anreise

Obwohl die Infektioszahlen im Herbst 2021 wieder ansteigen, erlauben es die Regeln die nächste Etappe des Jakobswegs dort fortzusetzen wo ich 2019 angekommen war: Vezelay. Der Anfang der Via Lemovicensis, einer der großen Pilgerrouten, die die Pilger zu den Pyrenäen führt. 

Verlauf 2015-2020 und die Strecke 2021
Mit der Bahn geht es Ende Oktober klimaschonend über Karlsruhe und Paris nach Auxerre, wo schon die Übernachtung bei Freunden arrangiert ist. Zumindest ist das der Plan. Aber am Freitagabend ist Paris sowohl über, als auch unter der Erde völlig verstopft. Ich verpasse meinen Anschlusszug.
Keine Chance rechtzeitig an ein Metroticket zu kommen
So müssen meine Freunde in Auxerre viel länger als geplant am Abend warten bis meine Bahn dort ankommt. Aber es geht ihnen gut. Kaum zu glauben, daß schon zweieinhalb Jahre vergangen sind seit ich sie kurz nach Ostern 2019 durch eine Reihe von Zufällen kennengelernt habe.
Übersicht der Strecke 2021

Erster Wandertag: Vezelay – Saligny (Sa, 23.10.21)

Nach einer ruhigen Nacht und einem schönen Frühstück von Sylvie fahren wir gemeinsam los nach Vezelay. Wir passieren einige Stellen an die ich mich noch gut von der Wanderung 2019 erinnern kann. Vom Tal aus ist die Basilika nur schemenhaft im Nebel auf dem Berg zu erkennen. Oben auf dem Hügel hat sich der Nebel schon gelichtet und die 2019 noch verhüllte Westfassade der Kirche erstrahlt in neuem Glanz.

Neuer Glanz

Die noch im Nebel schlummernden Wälder und Täler sind vom Hügel aus ein unvergesslicher Anblick. Der ideale Morgen um die Wanderung zu beginnen. Kühl ohne kalt zu sein, trocken ohne staubig zu sein.

Traumhafte Aussicht von der Wiese hinter der Basilika

Nach Besichtigung und Gebet kaufe ich noch die aktuelle Ausgabe des unverzichtbaren MiamMiamDoDo, die ich zuhause vergessen habe und wir machen uns gemeinsam auf den Weg zur ersten Etappe.

Die Entscheidung ist schon lange gefallen: Mein Weg führt über Bourges
Am späteren Vormittag kehren Silvy und Philippe um und ich setze den Weg alleine fort. Plötzlich Stille. Völlige Stille. Kein Vogel zwitschert, kein Zweig knackt. Keine Stimmen. Phänomenal! Ein guter Start für eine besinnliche Pilgerwanderung.
Die Strecken im Wald sind bei dieser Etappe besonders schön. Vor Maison Dieu schaue ich im Wald noch die Grundmauern des römischen Tempels an. Von der ebenfalls ausgeschilderten Römerstraße ist allerdings nichts mehr zu erkennen.
Vom Tempel steht nur noch das Fundament.

In La-Maison-Dieu mache ich Mittagspause an den Picknicktischen bei der Kirche. Das ist ungefähr die Hälfte der heutigen Wegstrecke. Kurz vor Asinois überquere ich den Canal du Nivernais und mache eine kurze Pause auf dem schönen Rastplatz links der Straße. Auf der Straße geht es weiter bis nach Saligny, danach halte ich schon nach einem geeignete Platz für die Nacht Ausschau.
Bereit für die Nacht
Ich wähle den östlichen Waldrand in der Nähe der Stelle wo der Jakobsweg wieder in den Wald einbiegt. Die Morgensonne soll so am Morgen helfen das Zelt wieder trocken zu bekommen.

Zweiter Wandertag: Saligny - Arbourse (So, 24.10.21)

Es war kalt in der Nacht, auf den Feldern ist Frost. Die Morgensonne lässt den Raureif auf den Blättern der Bäume schmelzen. Das war so nicht geplant. Nun ist das Zelt innen vom Kondenswasser und außen vom herabtropfenden Tauwasser nass. Während ich frühstücke trocknet langsam das Zelt. Das lässt mir auch Zeit die Planung für den Tag zu machen. Dabei fällt mir etwas auf: Hier auf dem Land schließen die Läden am Sonntagmittag und öffnen erst am Dienstag wieder. So lange reicht mein Wasser nicht und auch das Essen könnte knapp werden.
Entweder ich muss vor 12 Uhr in Varzy sein, was mit dem späten Start knapp werden könnte, oder ich muss bis in die Pilgerherberge nach Arbourse kommen, wo ich fließend Wasser habe und richtig kochen kann.
Wunderschön, aber frostig
Ich erreiche Varzy um 12:30 - alle Geschäfte sind geschlossen. Auf der Straße treffe ich einem Mann, der mir meine Flasche mit Trinkwasser füllt. Bald danach erreiche ich St. Lazare, die Kapelle der ehemaligen Leprakolonie. Viel Zeit für eine Pause bleibt mir nicht an diesem schönen Ort, der sich auch gut für eine Übernachtung geeignet hätte.
St. Lazare
Gerade als ich befürchte, daß ich nicht die ganze Strecke bis Arbourse schaffen würde, kommt eine Hinweistafel mit einer Abkürzung, dank derer ich Champlemy umgehen und einige Kilometer sparen kann. Diese Route ist auch deshalb sehr schön zu gehen, weil sie über weite Strecken auf weichen Feld- und Waldwegen entlang führt. Kaum bin ich im Wald, ertönt ein Hupen. Die Jagd wird  gerade "abgeblasen". Überall entlang der Straße kommen Jäger aus dem Wald. - Nein, es sei keine gute Jagd gewesen. Vielleicht hätten sie am nächsten Wochenende mehr Glück. - Der Weg führt danach als kleiner Trampelpfad sehr schön durch den Wald und kommt wenige Kilometer vor dem fast tausend Jahre alten Kloster Bourras wieder aus dem Wald. Das Kloster ist seit der Revolution ein landwirtschaftlicher Betrieb. In einigen Gebäuden ist der ursprüngliche Zweck noch zu erkennen.
Entlang der Straße und auf einem schnurgeraden, gut befestigten Waldweg erreiche ich L'Hopitot und wenig später Arbourse.
Noch 1796 Kilometer

Nach heute knapp 40 Kilometern schmerzen die Füße und ein paar Stunden Ruhe habe ich jetzt bitter nötig. Aber die Herberge ist wegen Covid geschlossen. Das durchwachsene Wetter ist  nicht ideal zum Zelten und so rufe ich die erste Nummer auf der Liste an der Tür an. Nein. Die Herberge ist geschlossen. Aber er kommt. Es gäbe da eine Alternative.
Ein freundlicher Herr, einst selbst auch Pilger, öffnet für mich die Küche des kleinen Gebäudes hinter dem Festzelt der Gemeinde. Dort steht ein Feldbett, es gibt warmes Wasser (aber keinen funktionierenden Abfluss) und eine Mikrowelle.
In der Mikrowelle bringe ich das Wasser auf die Temperatur für ein Fertiggericht aus der Tüte. Dann noch kurz die toten Fliegen aus der Tür hinaus gefegt und nach dem Essen schnell in den Schlafsack. Handy und Powerbank finden auch Anschluss um für morgen wieder fit zu sein.

Dritter Wandertag: Arbourse - Charité-sur-Loire (Montag, 25.10.21)

Es ist lange dunkel am Morgen und ich stehe erst kurz nach acht Uhr auf. Die noch nicht richtig eingelaufenen, von der gestrigen Wanderung arg strapazierten Füße sind nicht begeistert, daß es schon weiter gehen soll. Aber heute sind nur etwa 22 Kilometer zu wandern. Das kann ich gemächlich angehen.
Ein Brötchen zum Frühstück, den Schlüssel in den Briefkasten und schon geht es weiter. Ein kleiner Anstieg zum warm werden und dann geht es fast den ganzen Tag lang durch die Wälder.
Einen wertvollen Rat hatte Philippe mir noch gegeben, der mir heute wieder sehr nützlich sein sollte: Die gelben Wegmarkierungen sind lokale Wander- und Rundwege, während der Jakobsweg immer blau/gelb markiert ist. Das war bei den Wanderungen der letzten Jahre, die teilweise über nicht gekennzeichnete Strecken gingen nicht so. Aber um diese Route kümmert sich eine Jakobusgesellschaft und es fehlen nur selten Markierungen.

Pausen sind wichtig
Es gibt wenig zu sehen, dafür viel Stille. Nach den kleinen Pausen brauchen die Füße immer wieder etwas Zeit sich einzulaufen. Schließlich erreiche ich La Charité-sur-Loire. Ein interessanter Ort. Ich hätte gerne den ausgeschilderten Stadtrundgang gemacht, bin aber stattdessen erst mal zur Apotheke (Salbe für die Füße) und zum Supermarkt (Wasser & Brot). Die Tourist-Info hat an Montagen geschlossen, aber unter der Kontaktnummer im Miammiamdodo meldet sich eine Junge Dame. Alles kein Problem, sie käme gleich. Keine 5 Minuten später öffnet sie das Büro für mich und zeigt mir die Pilgerherberge. Klein, aber sehr fein und frisch renoviert fühle ich mich als einziger Gast gleich sehr wohl.
Treppe rauf, dann links ist die Herberge
Meine Erkundung der Stadt beschränkt sich auf die sehr schöne Kathedrale, Klosterräume und den Kreuzgang, der etwas mehr Pflege verdient hätte. Eine kurze Dusche und noch die Blutblasen versorgt. Dann ab ins Bett.

Vierter Wandertag: La Charité-sur-Loire bis Couy (Dienstag, 26.10.21)

Was für eine erholsame Nacht! Hier wäre ich gerne noch für einen Tag geblieben, aber ich möchte auch gerne weiter. Knapp 25 Kilometer werden das heute werden, die Vorräte sind aufgefüllt, die Füße erholt.
Über die Loire
Der Weg führt über die Loire und die Insel "Le Fauburg", anschließend über den Kanal mit Hafen. Um nicht immer auf der stark befahrenen Straße entlang zu führen, verläuft der Weg im Zickzack über die Felder. Alle Kirchen der Dörfer, die ich passiere sind geschlossen, dabei sahen einige wirklich interessant aus. Das zuerst trübe Wetter bessert sich im Laufe des Tages.
So kann ich einen Tag lang einfach nur pilgern, bis ich in der Abendsonne am Rand einer Wiese mein Zelt aufbaue.
Sehr gemütlich in meinem kleinen Zelt
Der Sternenhimmel ist wundervoll, leider habe ich nur das Handy dabei und keine ordentliche Kamera/Stativ.
Selten zu sehen auf dieser Reise: Sterne

Fünfter Wandertag: Cuoy - Becy (Mittwoch, 27.10.21)

Der sternklare Himmel hatte schon vermuten lassen, dass es kalt werden würde. Also schnell das nasse, etwas angefrorene Zelt abgebaut und erst mal vor dem Frühstück ein Stück Laufen um warm zu werden.
Es ist kalt
Die Sonne steht zunächst noch kraftlos am Himmel, reicht aber als ich Baugy erreiche aus um die Ausrüstung zu trocknen. Dort ist auch ein Supermarkt um die Vorräte wieder aufzufüllen. Nach einer kleinen Pause in Villabon geht es durch einen schönen Wald nach Brécy.
Durch den Herbstwald
In Brecy beginne ich mich nach einer Übernachtungsmöglichkeit umzuschauen. Die 20 Kilometer reichen für heute. Ein kurzes Stück nach dem Ort finde ich ein geeignetes Waldstück unweit einer Obstplantage. Ein frisch gefällter Baum als Bank und ein Baumstumpf als Tisch dienen als komfortabler Platz für mein Abendessen. Das Zelt ist schnell aufgestellt. Die meiste Zeit nimmt das Aufblasen der Luftmatratze (Thermarest Neoair Uberlite) mit dem Pumpsack in Anspruch. Da war ich mit meiner alte Matte schneller, hat aber weniger gut isoliert und gepolstert. Zum Thema Wärme: Der Schlafsack (Mountain-Equipment Helium 250) kommt auf dieser Tour auch seine Grenzen: Das "Comfort Limit" bei 3 Grad ist schon nicht mehr sehr komfortabel, die Angabe "good night's sleep" bei 1 Grad passt für mich nicht. Das wäre kein Problem für meinen alten Polar Schlafsack. Allerdings wiegt der auch fast ein Kilo mehr.
Lagerplatz im Wald

Sechster Wandertag: Becy - Bourges (Donnerstag, 28.10.21)

Es war heute etwas wärmer als in der vorhergegangnen Nacht und so habe ich gut geschlafen. Das Wetter ist hervorragend und die 20 Kilometer nach Bourges verlaufen fast schnurgerade. Zuerst entlang der Straße bis Sainte Solang, dann bald auf einer Römerstraße, die aber nicht als solche zu erkennen ist. Leider erfordert eine neu gebaute Schnellstraße einen fast 2 km langen Umweg um sie an einer Brücke zu überqueren zu können.
Rast an der Römerstraße im Hintergrund schon die Kathedrale
Schon bald ist die Kathedrale von Bourges zu erkennen. Unter der Autobahn durch erreicht man die Ausläufer der Stadt. Aber erst nach dem Überqueren der Bahngleise betritt man den interessanten Teil: Die Altstadt ist sehr schön und ich mache mich auf den Weg zur Kathedrale, wo ich auch den Pilgerstempel für meine Sammlung bekommen.
In der Kathedrale von Bourges
Die Kathedrale ist überwältigend. - Wirklich. - Überwältigend im Sinne von "zu viel". Eigentlich mag ich den gotischen Baustil sehr gerne, aber nach den stillen Tagen in der Natur sind mir die vielen Details und Schnörkel zu viel, zu "laut" und zu aufgeregt. Romanik wirkt auf mich ruhig, stabil und erdverbunden. Das hätte mir jetzt besser gepasst.
Dennoch erstaunlich wie leicht und lichtdurchflutet das Bauwerk anmutet. Ich finde Jakobus in zwei der Glasfenster und verbringe einige Zeit dort.
Safety first
Ich mache mich auf den Weg zur Jugendherberge. Kurz nachdem ich mein Zelt am Zaun erfolgreich getrocknet habe kommen die beiden Damen, die die Organisation der Jugendherberge machen. Die beiden - sehr spontan und sicherlich nicht perfekt organisiert - erklären, daß heute eine Kindergruppe  (Musikschule?) übernachtet und Party macht. Ob mich das stören würde?
Wohl kaum. Tatsächlich ist Punkt 22 Uhr die Musik aus und es kehrt Ruhe ein. Erstaunlich.
Nach einer Dusche (war sehr nötig) und mit frisch versorgten Füßen geht es ins Bett.

Siebter Wandertag: Bourges - Charost (Freitag, 29.10.21)

Frühstück! Mein erstes richtiges Frühstück seit dem letztem Samstag (bei den Freunden in Auxerre). Die Damen der Jugendherberge hatten mir empfohlen schon ein wenig vor 8 Uhr beim Frühstück zu sein, um mich nicht in der Schlange der Kinder anstellen zu müssen. Ein guter Rat. So komme ich zu einem reich gefüllten Teller, Kaffee, Tee und Orangensaft. - Nicht schlecht.
Noch kurz Wasser und Brot nachgekauft, geht es schon wieder weiter. Wie immer bei größeren Städten zieht sich der Weg lange entlang der Straße. Vorbei an Rüstungsbetrieben und militärischem Sperrgebiet.
Es muss auch solche Strecken geben
Das zieht sich so bis Morthomiers. Bei dem netten, kleinen Ort Villeneuve-sur-Cher hätte ich auf dem frei zugänglichen und als Pilgerherberge gekennzeichneten Camping Municipal gut übernachten können. Aber das ist mir zu früh. Die insgesamt 26km von Bourges bis Charost sind gut zu machen.
So richtig schön ist die Strecke durch das Landschaftsschutzgebiet "Champagne berrichonne". Der weiche Waldboden ist wohltuend für die Füße, das Grün wirkt noch frisch, obwohl es schon Herbst ist.
Champagne Berrichonne
Leider beginnt es nach der Waldpassage zu regnen. Die steigenden Temperaturen der letzten beiden Tage hatten das schon vermuten lassen. Schnell in die Regenkleidung. Nach einzelnen Schauern kommt Dauerregen.
Wasserdicht
Der neue Poncho (SeaToSummit Ultra-Sil Nano) macht sich gut. Alleine ist es schwer ihn hinten über den großen Rucksack zu bekommen. Aber bei gerade mal 145g Gewicht kann man nicht meckern. Zusammen mit meiner 25 Jahre alten Goretex Regenhose und den wasserdichten Wanderstiefeln klappt das Wandern auch bei schlechtem Wetter mit Wind recht gut. Da ist es vielleicht gar nicht so schlecht, daß der Poncho nicht so weit ist und daher nicht so sehr im Wind flattert. 
Zelten fällt heute jedenfalls aus. In Charost ist das Rathaus glücklicherweise geöffnet und so komme ich zum Code für das Refuge. Es ist im Obergeschoss des Schulhauses und bietet vier Betten. Die Regeln sind streng: Anreise erst nach Schulschluß, Abreise vor Schulbeginn. Betreten der Klassenräume verboten. Kein Problem.
Ich hänge meine Sachen zum Trocknen auf, mache mir eine Suppe und packe mein Geburtstagsgeschenk aus. Eine komplette Geburtstagsparty in der Streichholzschachtel!
Pilger-Party!!!

Im Gästebuch stehen in den letzten Tagen immer wieder einzelne Pilger. Ich bin nicht der einzige auf dem Weg, obwohl ich noch keinen anderen Pilgern begegnet bin. Ich trage mich ein, dann ab ins Bett!

Achter Wandertag: Charost - Sainte Fauste (Samstag, 30.10.21)

Heute ist das Wetter wechselhaft. Also rein in die Regenkleider und wieder auf den Camino. Die Füße machen schon lange keinen Ärger mehr. Gut, denn die Feldwege sind aufgeweicht und die Erde klebt in dicken Klumpen unter den Sohlen. Vor Issodun passiere ich einen großen Windpark und komme  von der Anhöhe hinunter in die Stadt. Ein kleiner Laden ist geöffnet, und so bekomme ich das Nötigste um meine geschrumpften Vorräte wieder aufzufüllen.
Blick an der Kirche vorbei auf das Stadttor
Der Weisse Turm ist leider geschlossen. Er wurde 1195 von Richard Löwenherz in Auftrag gegeben. Wo in Europa war der eigentlich nicht? Erst vor wenigen Wochen kam ich in der Pfalz an einer Burg vorbei auf der er gefangen gehalten worden war. Ich finde zum Essen einen etwas geschützten Platz im Rathausgarten, wo ich ein kleines Mittagessen zu mir nehme.
Der "Weiße Turm"
Am Ortsausgang dann noch ein Verkehrsschild, dass wie eine Mahnung an den Pilger anmutet. Ein Sinnspruch, sich selbst nicht so furchtbar wichtig zu nehmen:
Mahnung zur Bescheidenheit
Von weitem sehe ich die gewaltige Antennenanlage des Senders Issodun. Das Internet kennt leider kein Museum oder eine Besuchsmöglichkeit dort. Für mich als Kurzwellenenthusiast und Funkamateur wäre das ein Highlight entlang der Strecke.
Kaum zu erkennen, aber gigantisch: Die Antennen des Kurzwellendenders Issodun
Der weitere Weg führt über schöne Feldwege. Als ich Thizay erreiche, versuche ich dort eine Unterkunft zu bekommen. Die 20 Kilometer reichen für heute, sonst würde ich einen Tag zu früh in Chateauroux ankommen. Aber leider nimmt aufgrund der Pandemie keiner in Thizay Gäste auf. Also gehe ich weiter. "La Tripterie" steht als nächste Übernachtungsmöglichkeit auf meiner Liste.
Das Zeichen des Alten Bundes - Kurz vor Thizay
Glücklicherweise stabilisiert sich das Wetter etwas und die 5 Kilometer bis zum Bauernhof sind leicht zu gehen. Ich rufe dem Herbergsvater an. Er sei nicht da, gebe aber seinem Sohn Bescheid, er würde mir ein Leintuch bereit legen.
Kurz vor "La Tripterie"
Beim Bauernhof ist niemand zu finden. Ein sehr großer und sehr verspielter Hund freut sich über die Abwechslung und ist sehr enttäuscht, daß ich ihn nicht in den großen Wohnwagen lasse, der als Pilgerherberge dient.
Grandioses Motiv
Am Abend kommt noch kurz der zuvor erwähnte Sohn vorbei um nach dem Rechten zu sehen. Wie schon sein Vater am Telefon spricht er hervorragendes Englisch. Ob ich noch etwas brauchte? Was für eine offene und freundliche Art! Im Gästebuch stehen bekannte Namen, die ich schon in Charost gesehen hatte.

Neunter Wandertag: Sainte Fauste - Chateauroux (Sonntag, 31.10.21)

Das Wetter ist super! Bald nach Sonnenaufgang bin ich bereit zum leider letzten Abschnitt meiner Wanderung.
Die Herberge ist im Wohnwagen
Ein kleines Frühstück und los. Bis nach Chateauroux sind es gerade mal 20 Kilometer. Im Laufe des Tages nimmt der Wind zu. Manchmal so stark, dass es mich fast vom Weg bläst.
Tolles Wanderwetter
Aber ich komme gut voran, obwohl ich es gar nicht mehr eilig habe. Ich finde keinen geeigneten Platz, an dem ich jetzt schon mein Zelt aufschlagen könnte. So komme ich bis in den Vorort Deols, wo die Pilgerherberge ist. Ich rufe an: Nein, geschlossen. Nichts zu machen. Laut Miammiamdodo ist der Campingplatz geschlossen. Es beginnt ohnehin zu regnen. Ich schaue, ob ich beim Kloster eine Unterkunft finden kann.
Keine guten Wetteraussichten
Alles geschlossen. Das Hotel am Flughafen? Voll. Ein günstiges Hotel in Bahnhofsnähe? Keine Antwort. Schließlich finde ich ein Hotel mitten in der Stadt. (Ibis) Auch nicht schlecht. Ich buche für zwei Nächte, gehe einen Supermarkt suchen.
Ok, kein Campingwetter
So ein richtiges Bett ist eine tolle Sache. Nach einem kleinen Stadtrundgang ziehe ich mir die Decke über die Ohren.

Zehnter Tag: Pause in Chateauroux (Montag, 1.11.21)

Am Vormittag ist das Wetter gut, also nichts wie raus aus dem Bett und erst mal ordentlich Frühstücken. Das ist abwechslungsreich und unglaublich lecker. Dann aber raus! Ich möchte die Kirchen und den Ort anschauen.
Schon besetzt. Es ist Allerheiligen.
In den Kirchen finden schon die Gottesdienste für Allerheiligen statt. Also schaue ich mir zunächst mal den riesigen Park an, der sich aus der Stadt heraus bis zum Vorort Deols zieht.
Chateauroux hat sogar einen Badesee
Hier ist auch der Campingplatz, der entgegen der Info im Führer geöffnet hat. Kaum denke ich, daß ich hier prima hätte zelten können, setzt schon ein heftiger Regen ein. Mein kleiner Poncho erweist sich wieder als super praktisch.
Zurück in der Stadtmitte kaufe ich Vorräte für die Rückreise und finde auch schon eines der gewünschten Reisemitbringsel.
Die neuromanische Kirche Notre Dame
Jetzt sind auch die Kirchen wieder zugänglich. Die sind erstaunlich jung: Beide aus dem 19. Jahrhundert, allerdings Notre-Dame im romanischen, Saint Andre im neogotischen Stil.
Die neogotische Kirche Saint Andre
Der Stil beider Kirchen, so gegensätzlich sie sind wirkt auf mich stimmig und ich verbringe einige Zeit der Besinnung dort. Ein sehr erholsamer Tag. Morgen geht es zurück.

Elfter Tag: Rückreise (Dienstag, 2.11.21)

Die Ausrüstung ist vollständig getrocknet und der Rucksack effizient gepackt. Noch einmal bediene ich mich am reichhaltigen Frühstücksbuffet. Dann ist es Zeit aufzubrechen und noch einen Abstecher zum Waffenhändler "Armourie Bonnin" zu machen, wo ich leider nicht alle Varianten des Taschenmessers bekomme, die zu Weihnachten verschenken möchte. Nun aber schnell zum Bahnhof.
Ziemlich voll für einen Dienstagmorgen
Der Zug nach Paris fährt pünktlich ab, so daß ich in Paris bequem Zeit habe zu Fuß vom einen zum anderen Bahnhof zu gehen.
Paris!
Hier bekomme ich unterwegs auch noch die fehlenden Taschenmesser. Jetzt sind die Souvenirs komplett. Ich steige pünktlich in den ICE nach Karlsruhe. Doppelte Kontrolle vor Fahrtantritt: Ohne Impfnachweis (oder auch Test?) kommt man nicht einmal bis zur Kontrolle der Fahrscheine am Gleis. Da machen die Franzosen keine halben Sachen. Die Rückfahrt nach Heilbronn mit der S-Bahn ist dann nur noch eine Kleinigkeit und am Abend bin ich zurück bei meiner Familie.

Aussichten für 2022

Bis nach Saint-Jean-Pied-de-Port sind es jetzt noch knapp 750 Kilometer. Dann nochmal ca 800 km auf dem Camino Francés. Das sollte noch für viele Jahre besinnlichen Pilgerspaß reichen.
Für 2022 bieten sich die rund 170km von Chateauroux nach Limoges an. Das sind sieben bis acht Wandertage.